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26.01.2012
16:10

Dissidentenkult der DDR

Auch 25 Jahre nach der Gründung in der DDR feiert die BKK große Erfolge

Sie tragen einen winzig kleinen roten Stern auf dem Revers. Sie kleiden sich schwarz. Sie zeigen sich ironisch der Geschichte gegenüber. Sie sind humorvoll, tanzbar und mobilisieren das Publikum, erwidern auf die Härte einer Welt, die zwar nichts mehr mit jener gemein hat, die hinter den Stacheldrahtzäunen des Kalten Krieges existierte, aber in der uns just die Krise daran erinnert, dass es sie noch immer gibt.
Die Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot, die am 9. November 2011 ihren 25. Geburtstag gefeiert hat, mit einem ausverkauften Konzert in der Volksbühne Berlin – das Theater des Regisseurs Frank Castorf, wie noch eine handvoll von Schriftstellern und Künstlern ist er zu den seltenen noch zu vernehmenden Verbindungsstücken zwischen dem Dissidentenkult zur Zeit des DDR-Zerfalls und dem heutigen Deutschland.

Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot ! Die Zensoren der Ostkultur am Schopfe packend, kracht die Band 1986 mit einem Repertoire aus Brecht und Arbeiterliedern in die Musiklandschaft des Berliner Ostens. Schwierig, dieses Programm zu verbieten, das Teil der offiziellen Regierungshymne zu sein scheint. Der Name aber blüht provokativ. Der Bolschewismus ist seit langer Zeit verbannt, wie das Schwarz der Anarchie. Die Bezeichnung als „Kurkapelle" soll Irre führen. Die Kapelle, zur Gründerzeit also nicht verboten, wird stattdessen gebeten den Bandnamen zu ändern. Man nennt sich „Orchester ohne Namen" ...die Legende war vollbracht. Mit einer guten Portion Ironie im Programm, spielt man auf Veranstaltungen der kommunistischen Jugend, Kirchen und Schulbibliotheken, wo der Protest gegen die kommunistische Regierung aufstieg.
"Man konnte uns nicht als Kampforchester bezeichnen, ebenso wie die Literatur dieser Zeit musste man unsere Musik zwischen den Zeilen hören."
erinnert sich Thomas Schleyer, einer der Überlebenden seit der Kapellengründung. Am 4. November 1989 führen die Musiker die große Berliner Bewegung an, die dem Fall der Mauer am 9. November voraus geht.
Das Blechblasorchester spielt eine Art tanzbaren Bass-Rock. Es hat sich zu seinen Anfängen von der Musik aus West-Berlin inspirieren lassen, vor allem von dem „Sogenannten Linksradikalen Blasorchester", eine Fanfare der Frankfurter Sponti-Szene Ende der siebziger Jahre. Die beiden Mitglieder Heiner Goebbels (bekannt geworden durch seine Regiearbeit) und Alfred Harth machen sich mit ihrem Trio Cassiber einen Namen in der deutschen Jazz-Szene und werden zum Musikmachen nach Ost-Deutschland eingeladen.
Das Gründererbe hat noch immer Bestand. „Wir verstehen uns als engagierte Band, wir reagieren auf politische Ereignisse", bestätigt einer der jüngsten Zuläufe, die Sängerin und Saxophonistin Romy Sydow, geboren in der DDR. Mit Swing und Humor! „Bei der Kurkapelle gibt es kein spezielles Genre" erklärt die Band auf ihrer Internetseite. „Wir mischen Kampflieder mit Punkrock und Rockstücke mit Polka, spielen Swing wie Aufmärsche und rappen populäre Chansons – immer laut und wild. Man sollte uns wirklich life hören, am Besten mit einem Bier oder einem Glas Vodka." HdB

Erschienen im Magazin ParisBerlin
Nr. 72, Janvier 2012 / Januar 2012, ins Deutsche übertragen von Katharina Löschner

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