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Gastkolumne: The Spirit of Kasimir!

November in Berlin

Allein für seine Hymne auf Berlin (gehalten als Dankesrede für den B.Z. Kulturpreis) muss man als Bewohner dieser Stadt zu Wachs in seinen Händen werden: Ferdinand von Schirach (Der Fall Collini, Piper 2011).
„Die Menschen hier sind laut und grob… sie schimpfen über den Schnee genauso wie über den Sommer… und alle scheinen Hunde zu haben. Berlin ist wie der Mensch, der alles ist… Und genau deshalb kann man heute nur hier leben!“
Aber es gibt diesen einen Monat in dieser Stadt, den kann man sich nicht schön trinken, und ich denke, es ist eine himmlische Marketingstrategie gewesen, die Adventszeit (und damit sämtliche Glühweinbuden) auf den Monat November zu legen. Berlin im November ist schwer zu ertragen. Die Occupy-Jünger frieren sich auf der Wiese vor dem Reichstag ihre schmalen Hintern ab, während drin weiterhin mit Euro geheizt wird. Schwierig wird es in Berlin und in Deutschland immer mit dem 9. November. Dieser Tag steht für ein relativ seltenes Ying Yang, birgt er doch die helle und die dunkle Seite der Geschichte in sich. Der Fall der Mauer und die Reichsprogromnacht umreißen die Koordinaten dieses Tages ziemlich präzise. Umso fröhlicher ging es in der Berliner Volksbühne zu: Die Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot feierte ihr 25jähriges Bestehen.
Auf den Platz davor fallen wie ein Wespenbataillon Dutzende Lufthansa-Praktikanten in Leuchtkleidung auf Segway Personal Transportern mit Weihnachtsbeleuchtung ein und verteilen mit dem Spruch „Sie können Europa gewinnen!“ Gutscheine, die irgendetwas mit dem neuen Flughafen Schönefeld zu tun haben. Der nicht abgeneigte Berliner hustet erst mal ordentlich ab, bevor er die Kippe auf den Boden schnipst und sich ein Jüngelchen mit Flyer zur bronchitischen Brust nimmt: „Europa? Watjibbet denn da bitte noch zu jewinn? Gratis nach Rhodos? Nee danke, hab schon hier jenuch Dispo“, lautet seine kurze Zusammenfassung der aktuellen Europakrise. Im Saal dann die krachende Kombo und eine handverlesene Truppe von Autoren, allen voran Jakob Hein (Herr Jensen steigt aus, u.a., Piper). Es passt zu diesem Datum, von ihm eine Geschichte zu hören, die sich garantiert so zugetragen hat, irgendwo im Osten von Mecklenburg-Vorpommern, wo die Landschaft doch eigentlich schönere Phantasien vermuten lässt, als Leute in ihrem Kopf herumtragen, die Jogginghosen aus Ballonseide zu T-Shirts mit dunkelbraunem Gedankengut tragen, den Spruch über Juden gleich mit „eingebautem Rechtsschutz vom Anwalt“. Rechts hier juristisch gemeint. v.l.nr. Jurij Gurzhki, Simon Wahorn ( beide RotFront), Nino Sandow, Rummelsnuff, Jakob Hein (Arm oben) Jochen Schmitdt, Ahne
v.l.n.r. Kurkapelle, Jakob Hein (Arm oben), Jochen Schmidt, Ahne Zwischen zwei Polkas hält Ahne (Zwiegespräche mit Gott – Die ersten beiden Schriften, Ullstein TB 2011) ein Zwiegespräch mit Gott, und beide vertun sich total mit dem Neunten Elften und dem Elften Neunten, die sie gnadenlos durcheinanderbringen. Durcheinanderbringen hat gute Vorbilder, wo bei einer Badbank (ja, die stehen auch für Badeinrichtung und Komfort, alles rutschfest, saugsicher und garantiert klinisch rein) mal eben 55,5 Milliarden € wieder auftauchen (da musste dem Herrn Ackermann seine Mutter einst lange für stricken!), und was aber eigentlich noch was Anderes verdeutlicht: Wo so viel Geld unvermittelt wieder auftauchen kann, konnte es vorher auch ganz unvermittelt verschwinden. Und keinem hat's wirklich gefehlt. War ja eh grad Krise. Passte ja rein. Damit hätte sich ein ganzer Golfkrieg finanzieren lassen. Oder ein Kindergeburtstag bei der „Schrecklich glamourösen Familie Geissen“ an der Kot Asür! Keiner der FMS-Bankmanager wurde entlassen, ist ja auch klar: Wenn der Name bäd = schlecht schon im Namen der Bank erscheint, dann machen sie ja nur, wofür sie bezahlt werden, nämlich grottenschlechte Arbeit. Erinnert sei daran, dass Schäuble seinen Sprecher einst demütigte („Reden Sie nicht, sondern sorgen Sie dafür, dass die Zahlen verteilt werden!", zur besten Sendezeit vor laufender Kamera, allein im Netz 300.000 tausend Mal angeklickt), weil der nicht rechtzeitig zur Pressekonferenz ein Papier mit den richtigen Zahlen vorlegen konnte. Dieser kündigte unverzüglich selbst, was einem Rausschmiss gleichkam. Aber die drei Bankmanager dürfen bleiben. Wahrscheinlich werden ihnen die 55,5 Mrd € als Gewinn ausgewiesen und am Jahresende anteilig als Boni ausgezahlt… So viel zur Personalführung unseres Finanzministers. Welcher Troll in meinem Kopf hat denn da gerade die Brücke zur Naturwissenschaft geschlagen und flüstert mir eine Nachricht ins Ohr? Lausanner Forscher haben herausgefunden, dass sich im Zuge der Evolution der Hoden bei Säugetieren schneller, geradezu rasant!, entwickelte als das Hirn. Oooops… Aber der Trend zum positiven Verrechnen zieht schon Kreise bis nach Irland, die lieben Iren haben 3,6 Milliarden € Staatsverschuldung weniger als angenommen, weil ein Betrag versehentlich an zwei Stellen als Defizit gemeldet worden ist. (Doppelt hält besser, das hat bestimmt auch dem Herrn Ackermann seine Mutter beim Stricken schon vor sich hin gegrummelt.) Den Abend dieser Nachricht hätte ich gerne in einem Pub in Dublin erlebt. Dafür wurde Frankreich kurz darauf von einer Ratingagentur als neues Pleiteland der EU gekürt, Renditen französischer Anleihen stiegen kräftig, Aktienkurse gaben nach. Man kommt sich vor wie bei einer Eiskunstlaufeuropameisterschaft, bei der sich die Preisrichter die Kante geben und permanent die falschen Schilder hochhalten.Ich saß also noch immer in der Volksbühne an jenem 9. November, und nach Ahne setzte die Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot in stoischer Gelassenheit ihr Programm mit Rio Reisers „Menschenfresser“ fort. Das Unvermeidliche war, dass ich an eine aktuelle Meldung denken musste; war doch ein gewisser Stefan R. auf den Marquesas-Inseln in der Südsee verschwunden, überfallen, getötet und vermutlich verspeist worden. Was mir wahrscheinlich gerade als Pietätlosigkeit unterstellt wird, wurde von der Onlinevariante unserer meinungsbildenden Hauptzeitung noch übertroffen: Deren Clip zur Kannibalenvermutung wurde unterbrochen von einer Salami-Pizza-Werbung „Schmeckt wie beim Italiener“und einem Reisebüro-Spot (der sich gut und gerne mit zwei t schreiben ließe). Was so etwas mit den Hinterbliebenen macht, scheint komplett uninteressant, zumal wir spätestens seit dem großartigen Buch vonChristian Scherz und Dominik Höch wissen… …dass sich die Medien lediglich ihren Konsumenten anpassen. (Privat war gestern – wie Medien und Internet unsere Werte zerstören, Ullstein 2011). Was im TV bei Peter Zwegat durch das Schuldenraster fällt und bei Inga Bauses „Bauer sucht Frau“ dann auch nicht mehr vermittelbar ist, wird spätestens bei Vera Int Veens „Schwiegertochter gesucht“ verheizt. Ich kann mich gut fremd (also für andere) schämen, will die intellektuelle Struktur meiner ewig nörgelnden Landsleute noch besser begreifen und setze mich wie der personifizierte gute Vorsatz auf die Fernsehcouch, da rappelt es mich auch schon: Was da an Wuchtbrummen über meinen Flachbildschirm latscht, lässt mich regelmäßig in die Höhe springen, ganz nah und den Sehnerv verätzend an die Bildfläche treten und diese auf feinste Haarrisse untersuchen. Nichts gegen Wuchtbrummen! Ich war selbst mal eine! (Habe mir 1997 vor meinem Statistenauftritt bei Jürgen Lipperts „Glück muss man haben“ im mdr zehn Kilo abgehungert. Mein Spielgefährte Gunter Gabriel sah auch nicht besser aus, und trotzdem waren sämtliche Spiele dieser Sendung flach genug, dass wir sie am Ende gewinnen konnten. Auf der Aftershowparty in Hof saßen wir dann beim opulenten Mahl, wobei einer von uns beiden gerade mit dem Trinken aufgehört hatte und der Andere mit dem Essen. Entsprechend flockig verlief das gesellige Beisammensein). Gegenwärtig scheinen weder Bierbauch noch Gesichtsacker ein No-Go-Kriterium für's Fernsehen zu sein. Vom Wortschatz der Kandidaten mal ganz abgesehen, der variantenreich mäandert zwischen „Halt die Fresse, mach ma Essen!“ (nach dem ersten Zusammenbruch über Peter Zwegats Schuldentafel im Wohnzimmer zwischen rustikaler Eichenschrankwand und All-in-One PC mit Intel Core i3 Prozessor der 2. Generation und großem 58 cm 23''- Touch-screen Bildschirm) und „Ich liebe Dich“ (nach einmal Kuhstallausmisten mit dem Traumprinz und einmal selber seinen Trecker fahren). Das haben wir alles so gewollt. Auch nach dem Konzert der Bolschewistischen Kurkapelle gab es eine Aftershowparty, diese im Grünen Salon, auf die ich mich mit dem Tipp meiner Freundin Susanne stehlen durfte: „Sag einfach, du kennst die Schwester vom Tubisten.“Mein Gott, wie er aussah, wusste ich ja, aber wie sah eine Tuba aus? Ein weiterer guter Vorsatz war geschaffen: zuhause gleich die Tuba googeln und im Freundeskreis den alten Brauch der Hausmusik aufleben lassen. Auf dem letzten Loch blasen wir eh schon, jeder zweite geht flöten, warum dann nicht in der Adventszeit fröhlich auf Kamm und Tuba blasen und endlich mal auf die Krise pfeifen? Eine besinnliche Adventszeit wünscht Ihnen Patricia Kasimir
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